Tragen von Kindern im Tragetuch und in der Trage ohne unnötige Mythen
Kaum ein Elterntrend der letzten Jahre sorgt für so viele Diskussionen wie das Tragen von Kindern im Tragetuch oder in einer ergonomischen Tragehilfe. Auf der einen Seite begeisterte Befürworter, die auf Nähe und Komfort schwören, auf der anderen Seite Skeptiker, die vor Verwöhnung oder Rückenschmerzen warnen. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo in der Mitte – und ist vor allem durch überraschend solide wissenschaftliche Evidenz belegt. Schauen wir uns an, was das Tragen von Kindern tatsächlich bringt, welchen Mythen wir dabei begegnen und wie man sicher damit anfangen kann, selbst wenn man noch nie ein Tragetuch in der Hand hatte.
Menschen tragen ihre Kinder seit Menschengedenken. Wortwörtlich. Anthropologische Funde deuten darauf hin, dass das Tragen von Nachkommen in verschiedenen Arten von Wickeltüchern und Gurten Tausende von Jahren alt ist und bis heute in vielen Kulturen Afrikas, Asiens und Südamerikas die primäre Art der Säuglingspflege darstellt. In der westlichen Welt wurde diese Gewohnheit für einige Jahrzehnte aufgegeben – die Ära der Kinderwagen, Laufställe und Babyschalen brachte Komfort anderer Art. Doch in den letzten zwanzig Jahren kehrt das Kindertragen zurück, und zwar nicht nur als Modeerscheinung, sondern als bewusste Entscheidung von Eltern, die einen natürlicheren Weg des Kontakts mit dem Baby suchen. Und die Wissenschaft gibt ihnen mehr Recht, als viele erwarten würden.
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Warum eigentlich ein Kind im Tuch oder in der Tragehilfe tragen
Das Grundprinzip des Tragens ist einfach: Das Kind befindet sich in engem körperlichem Kontakt mit dem Elternteil, hört seinen Herzschlag, spürt seine Wärme und Bewegung. Dieser „Haut-an-Haut"-Kontakt ist nicht nur angenehm – er hat messbare physiologische Auswirkungen. Eine bereits 1986 in der Zeitschrift Pediatrics veröffentlichte Studie zeigte, dass Kinder, die in einer Tragehilfe getragen wurden, im Durchschnitt 43 % weniger weinten als Kinder, die nicht getragen wurden. Neuere Forschungen, beispielsweise eine im Journal of Child Psychology and Psychiatry veröffentlichte Arbeit, bestätigen, dass regelmäßiger körperlicher Kontakt in den ersten Lebensmonaten die sichere Bindung zwischen Elternteil und Kind fördert, was sich positiv auf die emotionale Entwicklung weit in die Zukunft auswirkt.
Doch die Vorteile enden nicht bei der Psychologie. Aus orthopädischer Sicht ist das korrekte Tragen im Tragetuch oder in einer ergonomischen Tragehilfe für das Kind sehr vorteilhaft. Die sogenannte M-Position – bei der die Beinchen des Kindes in Form des Buchstabens M gespreizt sind, wobei die Knie höher als der Po liegen – fördert die gesunde Entwicklung der Hüftgelenke. Das International Hip Dysplasia Institute führt sogar eine Liste empfohlener Tragehilfen, die diese Position gewährleisten. Für Eltern, deren Kinder unreife oder flache Hüftgelenke haben, kann das korrekte Tragen direkt Teil der von Orthopäden empfohlenen Therapie sein.
Und dann gibt es die praktische Seite, die jeder zu schätzen weiß, der jemals versucht hat, mit einem Kinderwagen über einen kaputten Gehweg, in einem überfüllten Bus oder auf einem Waldweg zu manövrieren. Das Tragen im Tuch befreit schlicht die Hände. Es ermöglicht einzukaufen, zu kochen, mit einem älteren Kind an der Hand spazieren zu gehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen – kurz gesagt, ein normales Leben zu führen, während das Baby zufrieden auf der Brust schläft. Eine Mutter aus Brünn, die ihre Erfahrung in einem Elternforum teilte, beschrieb es treffend: „Das Tragetuch gab mir das Gefühl zurück, nicht zu Hause eingesperrt zu sein. Ich konnte überallhin gehen und mein Sohn war ruhig, weil er bei mir war." Diese Erfahrung wiederholt sich bei Tausenden von Eltern auf der ganzen Welt, und daran ist nichts Überraschendes – für ein Neugeborenes ist die Nähe des Elternteils die natürlichste Umgebung.
Das Tragen kommt zudem auch Frühgeborenen zugute. Die Känguru-Methode, also der Haut-an-Haut-Kontakt mit einem zu früh geborenen Baby, ist heute weltweit fester Bestandteil der neonatologischen Versorgung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt sie aktiv als Methode zur Verbesserung der Thermoregulation, Stabilisierung des Herzschlags und Förderung des Stillens bei Frühgeborenen. Das Tragen zu Hause im Tragetuch ist die natürliche Fortsetzung dieses Prinzips.
Mythen, die rund ums Kindertragen fortbestehen
Trotz der wachsenden Menge an Belegen für die Vorteile des Tragens begegnen wir nach wie vor einer Reihe von Mythen, die Eltern unnötig abschrecken können. Schauen wir uns die häufigsten an.
Der wohl verbreitetste Mythos ist die Behauptung, dass man das Kind durch Tragen verwöhnt. Diese Vorstellung stammt aus einer heute überholten Erziehungsphilosophie, nach der Kinder möglichst früh Selbstständigkeit lernen sollten und zu viel körperlicher Kontakt sie daran hindere. Die moderne Entwicklungspsychologie sagt das genaue Gegenteil. Wie beispielsweise der britische Psychologe und Bindungsexperte Sir Richard Bowlby, Sohn des Begründers der Bindungstheorie John Bowlby, betont: „Ein Kind, dessen Bedürfnis nach Nähe in den ersten Lebensmonaten erfüllt wird, wird paradoxerweise selbstständiger und selbstbewusster." Die sichere Bindung, die das Tragen fördert, ist das Fundament, von dem aus das Kind schrittweise und natürlich die Welt erkundet – kein Hindernis für seine Unabhängigkeit.
Ein weiteres häufiges Argument ist, dass das Tragen im Tuch der Wirbelsäule des Kindes schadet. Diese Behauptung ist bei korrektem Tragen unbegründet. Ein Neugeborenes hat von Natur aus eine gerundete Wirbelsäule in Form des Buchstabens C, und ein Tragetuch oder eine hochwertige Tragehilfe respektiert und unterstützt diese physiologische Position. Probleme können nur dann auftreten, wenn das Kind in einer ungeeigneten Tragehilfe getragen wird – typischerweise in sogenannten „hängenden" Tragehilfen, bei denen das Kind am Schritt hängt und die Beine nach unten baumeln. Solche Tragehilfen sind tatsächlich weder für die Wirbelsäule noch für die Hüften ideal. Deshalb ist es wichtig, ergonomische Tragehilfen mit breitem Sitzsteg zu wählen, die die korrekte M-Position der Beine und die Rundung des Rückens gewährleisten.
Der dritte Mythos betrifft die Eltern selbst – konkret die Befürchtung, dass das Tragen des Kindes Rückenschmerzen verursacht. Es stimmt, dass ein falsch gebundenes Tuch oder eine schlecht eingestellte Tragehilfe unbequem sein kann. Aber bei korrektem Binden, wenn das Kind hoch genug sitzt (sodass der Elternteil das Kind auf den Scheitel küssen kann) und eng am Körper liegt, verteilt sich das Gewicht gleichmäßig und die Belastung für den Rücken ist minimal – oft geringer als beim einseitigen Tragen des Kindes auf dem Arm, was Eltern instinktiv ohnehin tun. Viele Hebammen und Physiotherapeuten empfehlen heute das Tragen im Tuch als Vorbeugung gegen Rückenschmerzen, da es die asymmetrische Belastung des Körpers eliminiert.
Es gibt auch die Überzeugung, dass das Tragen nur für Mütter geeignet sei. Das ist völliger Unsinn. Ein Tragetuch oder eine Tragehilfe kann jeder verwenden – Väter, Großeltern, Pflegeeltern. Für Väter ist das Tragen oft sogar eines der wertvollsten Mittel, um in den ersten Wochen eine starke Beziehung zum Neugeborenen aufzubauen, besonders wenn die Mutter stillt und der Vater nach einem eigenen Weg sucht, dem Kind nah zu sein. Viele Väter berichten, dass gerade das Tragen in der Tragehilfe ihnen geholfen hat, die anfängliche Unsicherheit zu überwinden und sich in der Elternrolle kompetent zu fühlen.
Und was ist mit der Behauptung, dass das Tragen zu kompliziert sei und man das Tragetuch nicht binden lernen könne? Hier muss man ehrlich sein – ja, die ersten Versuche mit einem elastischen oder gewebten Tuch können frustrierend sein. Fünf Meter Stoff und ein schreiendes Baby sind nicht gerade ein Rezept für Gelassenheit. Aber genauso wie man lernt zu wickeln, zu baden oder Beikost zuzubereiten, lernt man auch, ein Tuch zu binden. Meistens reicht es, ein oder zwei grundlegende Bindeweisen zu beherrschen, und der Rest kommt mit der Übung. Außerdem gibt es heute Tragehilfen mit Schnallen, die die Ergonomie eines Tuchs mit der Einfachheit eines Rucksacks verbinden – einfach anlegen und losgehen.
Wie man mit dem Tragen anfängt und worauf man achten sollte
Für absolute Anfänger ist der einfachste Weg ein elastisches Tragetuch. Es ist weich, verzeiht kleine Fehler beim Binden und ist ideal für Neugeborene bis etwa sechs bis sieben Kilogramm. Die bekannteste und universellste Bindeweise ist die sogenannte „Wickelkreuztrage", die das Baby sicher auf der Brust des Elternteils hält. Im Internet finden Sie Dutzende von Videoanleitungen, aber die beste Investition ist ein Besuch bei einer Trageberaterin. In der Tschechischen Republik gibt es ein Netzwerk zertifizierter Trageberaterinnen, die zu einem erschwinglichen Preis (oft sogar kostenlos im Rahmen von Familienzentren) bei der Auswahl der Tragehilfe helfen, die korrekte Bindeweise zeigen und überprüfen, ob das Kind in einer sicheren Position ist.
Wenn das Kind größer und schwerer wird, reicht das elastische Tuch nicht mehr aus und es ist Zeit für ein gewebtes Tragetuch oder eine ergonomische Tragehilfe mit Schnallen, eventuell ein Mei-Tai, eine traditionelle asiatische Tragehilfe, die Eigenschaften von Tuch und strukturierter Tragehilfe kombiniert. Jede dieser Tragehilfen hat ihre Vorteile, und die Wahl hängt von persönlichen Vorlieben, der Körperkonstitution des Elternteils und dem Temperament des Kindes ab. Manche Kinder lieben die enge Umarmung eines gewebten Tuchs, andere bevorzugen den lockereren Sitz in einer Tragehilfe mit Schnallen. Man braucht keine Angst vor Experimenten zu haben – viele Beraterinnen bieten Tragehilfen-Verleihe an, bei denen man verschiedene Typen ausprobieren kann, bevor man sich zum Kauf entscheidet.
Beim Tragen ist es wesentlich, einige Sicherheitsregeln einzuhalten. Das Kind sollte immer freie Atemwege haben – das Gesicht darf nicht an den Stoff oder an den Körper des Elternteils gedrückt sein. Das Kinn des Kindes sollte nicht an die Brust gedrückt sein, da dies die Atmung einschränken kann. Das Kind sollte sichtbar und küssbar sein – das bedeutet hoch genug, damit der Elternteil sein Gesicht sehen und es mühelos auf das Köpfchen küssen kann. Die Tragehilfe oder das Tuch muss fest genug gebunden sein, damit das Kind nicht zu tief hängt und nicht auf den Bauch des Elternteils drückt. Und natürlich ist es wichtig, die Kleidung anzupassen – in der Tragehilfe ist dem Kind durch die geteilte Körperwärme wärmer, sodass im Sommer eine dünnere Schicht reicht und im Winter das Kind nicht in viele Schichten unter der Tragehilfe eingepackt werden muss.
Erwähnenswert ist auch, dass das Tragen keine Entweder-oder-Frage sein muss. Die meisten Familien kombinieren das Tragen je nach Situation mit dem Kinderwagen. Für einen längeren Spaziergang auf ebenem Terrain kann der Kinderwagen bequemer sein, während beim Einkaufen, bei der Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einschläfern eines unruhigen Babys das Tragetuch unschätzbar ist. Es geht nicht um Ideologie, sondern um ein praktisches Werkzeug im elterlichen Arsenal, das es sich lohnt, zur Verfügung zu haben.
Wie der Kinderarzt William Sears, einer der Pioniere des sogenannten Attachment Parenting, einmal sagte: „Getragene Kinder sind zufriedenere Kinder, weil sie genau das bekommen, was sie brauchen – Nähe." Und auch wenn man nicht mit allem übereinstimmen muss, was Sears je geschrieben hat, geben ihm in diesem Punkt sowohl die jahrtausendealte menschliche Erfahrung als auch die moderne Wissenschaft recht.
Wenn Sie das Tragen interessiert und Sie überlegen, wo Sie anfangen sollen, braucht es wenig. Besorgen Sie sich ein einfaches elastisches Tragetuch oder leihen Sie es sich im nächsten Familienzentrum aus, finden Sie eine Trageberaterin in Ihrer Nähe und geben Sie dem Ganzen eine Chance. Vielleicht stellen Sie fest, dass dieses Stück Stoff Ihren elterlichen Alltag mehr verändert, als Sie erwartet hätten – und Ihr Baby wird es Ihnen auf die schönste Art und Weise bestätigen: zufriedener Schlaf auf Ihrer Brust.