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# Wie man Kindern beibringt, Dinge zu schätzen – ohne Predigten

Jedes Elternteil kennt das

Jedes Elternteil kennt das. Das Kind bekommt zum Geburtstag einen Berg von Geschenken, nach drei Tagen liegt die Hälfte davon vergessen unter dem Bett, und es beklagt sich wieder, dass es nichts zu tun hat. Oder es kommt aus der Schule nach Hause und wirft gedankenlos den Rucksack in die Ecke, lässt die Brotdose offen auf dem Tisch stehen und kickt die neuen Schuhe, die nicht wenig Geld gekostet haben, in den Flur. Das ist keine schlechte Erziehung, und es liegt auch nicht daran, dass Kinder von Natur aus undankbar wären. Es geht um etwas Tieferes – darum, dass wir in einer von Dingen, schneller Mode und Ein-Tages-Trends übersättigten Zeit alle, Kinder wie Erwachsene, ein wenig die Fähigkeit verloren haben, Dinge wirklich zu schätzen.

Und genau hier verbirgt sich eines der größten Erziehungsparadoxe: Je mehr Dinge wir Kindern geben, desto weniger schätzen sie diese. Dabei helfen Predigten darüber, wie dankbar sie sein sollen, oder lange Vorträge über den Wert des Geldes selten weiter. Kinder brauchen keine Moralisierung – sie brauchen Erfahrung. Sie müssen spüren, was es bedeutet, etwas zu verlieren, auf etwas zu warten, etwas mit eigenen Händen herzustellen oder sich um etwas zu kümmern. Und genau an diesem Punkt trifft die Erziehung zur Dankbarkeit ganz natürlich auf das Thema Nachhaltigkeit.


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Nachhaltigkeit als Lebenshaltung, nicht als ökologisches Schlagwort

Das Wort Nachhaltigkeit wird in den letzten Jahren in allen Zusammenhängen verwendet, aber im Kontext der Kindererziehung hat es eine sehr konkrete und praktische Dimension. Es geht nicht nur um Mülltrennung oder den Kauf von Bioprodukten. Es geht darum, wie wir uns zur Welt um uns herum verhalten – wie wir mit den Dingen umgehen, die wir besitzen, wie wir über ihre Herkunft nachdenken und was wir mit ihnen machen, wenn sie ausgedient haben. Wenn ein Kind versteht, dass jeder Gegenstand seine eigene Geschichte hat – vom Entstehungsort über die Hände, die ihn hergestellt haben, bis zum Moment, in dem es ihn in den Händen hält – wird es Dingen gegenüber ganz anders eingestellt sein.

Forschungen auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Kinder, die aktiv an der Pflege der Dinge in ihrer Umgebung beteiligt sind, ein höheres Maß an Empathie und Verantwortungsbewusstsein zeigen. Eine in der Zeitschrift Developmental Psychology veröffentlichte Studie bestätigt, dass Kinder, die im Haushalt konkrete Verantwortlichkeiten haben und die direkten Konsequenzen ihres Handelns sehen, eine bessere Beziehung zu materiellen Dingen und zu Menschen aufbauen. Es handelt sich also nicht um einen moralischen Appell – es ist die natürliche Folge davon, wie Kinder in den Alltag eingebunden sind.

Nehmen wir als Beispiel eine Familie, die beschlossen hat, keine Kleidung mehr in Fast-Fashion-Ketten zu kaufen und stattdessen auf Flohmärkte und in Secondhand-Läden zu gehen. Zunächst wehrte sich die zehnjährige Tochter – sie wollte dieselben Sachen wie ihre Mitschülerinnen. Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Bei einem der Ausflüge in den Secondhand-Laden wählte sie selbst eine alte Jeansjacke aus, verzierte sie zu Hause mit selbst gemalten Motiven und trug sie mit großem Stolz. Plötzlich besaß sie ein Kleidungsstück, das wirklich ihres war – einzigartig, mit einer Geschichte, die sie selbst mitgestaltet hatte. Von da an veränderte sich ihre Beziehung zu den Dingen. Sie hörte auf, einfach so nach neuen Sachen zu fragen, und begann, das, was sie bereits hatte, mehr zu schätzen.

Diese Geschichte ist keine Ausnahme. Sie ist das natürliche Ergebnis davon, wenn Kinder Raum bekommen, eigene Erfahrungen zu machen, anstatt dass Erwachsene ihnen sagen, wie sie sich fühlen sollen.

Praktische Ansätze, die besser funktionieren als Predigten

Eine der wirksamsten Methoden ist überraschend einfach: Kinder Mangel oder Warten erleben lassen. In einer Zeit, in der fast alles sofort verfügbar ist, ist die Erfahrung einer aufgeschobenen Belohnung selten und ungemein wertvoll. Der Psychologe Walter Mischel, dessen berühmtes Marshmallow-Experiment zur Grundlage für das Verständnis von Selbstkontrolle bei Kindern wurde, zeigte, dass die Fähigkeit zu warten eng mit der allgemeinen Lebenszufriedenheit und Verantwortungsbereitschaft zusammenhängt. Wenn ein Kind ein neues Spielzeug oder ein Kleidungsstück möchte, kann es sehr hilfreich sein zu sagen: „Gut, aber wir warten einen Monat. Wenn du es dann immer noch haben möchtest, werden wir darüber reden." Überraschend oft lässt das Interesse an der Sache nach einem Monat nach – und das ist an sich schon eine wertvolle Lektion.

Ein weiterer Ansatz ist, Kinder in den Prozess der Auswahl und Pflege von Dingen einzubeziehen. Wenn ein Kind weiß, wie man sich um eine Sache kümmert, schätzt es sie mehr. Das kann regelmäßiges Schuhputzen sein, das Reparieren eines kaputten Spielzeugs oder das Gießen einer Pflanze. Fürsorge schafft eine Bindung. Es ist kein Zufall, dass Kinder, die ein Haustier haben, um das sie sich selbst kümmern, dieses Tier ganz anders schätzen als jene, die es nur „haben". Dasselbe Prinzip gilt für Dinge.

Ein sehr wirkungsvolles Werkzeug ist auch das Erzählen von Geschichten über die Herkunft von Dingen. Woher kommt dieses Sweatshirt? Wer hat es hergestellt? Woraus besteht es? Wie viel Arbeit steckt dahinter? Diese Fragen wirken nicht wie ein Verhör, sondern wie natürliche Gespräche, die den Blick der Kinder auf die Welt erweitern. Die Organisation Fashion Revolution erinnert beispielsweise jedes Jahr daran, unter welchen Bedingungen Kleidung in der schnellen Mode entsteht, und bietet Bildungsmaterialien an, die auch für Kinder geeignet sind. Wenn ein Kind einmal versteht, dass sich hinter einem billigen T-Shirt die Geschichte eines überlasteten Arbeiters am anderen Ende der Welt verbergen kann, wird es dem Einkaufskorb gegenüber überlegter sein – nicht weil es jemand angeordnet hat, sondern weil es das selbst verstanden hat.

Eine sehr konkrete und wirksame Methode, Kindern beizubringen, Dinge zu schätzen, ist auch das „Ein Ding rein, ein Ding raus"-System. Wenn ein Kind ein neues Spielzeug möchte, muss es entscheiden, welches alte es verschenkt oder verkauft. Dieser einfache Mechanismus zwingt dazu, über den tatsächlichen Wert von Dingen nachzudenken und darüber, ob die neue Sache wirklich eine Lücke füllt oder nur zum Haufen dazukommt. Gleichzeitig lehrt es, dass Dinge ein zweites Leben haben können – und das ist die Grundlage des nachhaltigen Denkens.

Es gibt auch Ansätze, die Erziehung zur Dankbarkeit mit Kreativität verbinden. Dinge reparieren statt wegwerfen ist in dieser Hinsicht sehr kraftvoll. Das japanische Konzept des Kintsugi – das goldene Reparieren von gebrochener Keramik, bei dem die Bruchstellen mit Gold hervorgehoben statt verborgen werden – trägt eine tiefe Botschaft: Dinge, die repariert wurden, haben ihre Geschichte und sind dadurch wertvoller. Dieser Ansatz lässt sich auch auf die Erziehung übertragen: Wenn ein Lieblingsspielzeug kaputt geht, ist das kein Ende, sondern eine Gelegenheit zur Reparatur und zum Verständnis, dass Dinge Pflege verdienen.

Wie lässt sich das alles erreichen, ohne Eltern zu werden, die ständig moralisieren und predigen? Die Antwort ist einfach, wenn auch nicht immer leicht: selbst ein Vorbild sein. Kinder hören nicht auf das, was wir sagen – sie beobachten, was wir tun. Wenn wir als Erwachsene impulsiv einkaufen, Dinge wegwerfen, die repariert werden könnten, und uns beklagen, dass nichts hält, wird das Kind dieses Verhalten ganz natürlich übernehmen. Wenn es hingegen Eltern sieht, die Dinge reparieren, durchdacht einkaufen und respektvoll über Dinge sprechen, nimmt es diese Werte auf, ohne eine einzige Predigt.

Wie der Pädagoge und Philosoph John Dewey sagte: „Erziehung ist keine Vorbereitung auf das Leben – Erziehung ist das Leben selbst." Kindern beizubringen, Dinge zu schätzen, bedeutet also nicht, Vorträge über Nachhaltigkeit zu organisieren oder sie dazu zu zwingen, Artikel über Ökologie zu lesen. Es bedeutet, einen Alltag zu schaffen, in dem diese Werte ganz natürlich und selbstverständlich präsent sind.

Flat-lay of children's shoes, a hand-painted denim jacket, a kintsugi mug, and a small plant symbolising care and sustainable values

Wann anfangen und wie man es dem Alter des Kindes anpasst

Die Erziehung zur Dankbarkeit und Nachhaltigkeit hat keinen festen Startpunkt – sie beginnt viel früher, als die meisten Eltern denken. Schon kleine Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren sind in der Lage, grundlegende Prinzipien der Fürsorge für Dinge zu verstehen, wenn sie ihnen auf spielerische Weise vermittelt werden. Spielzeug wegräumen, eine Pflanze gießen, beim Wäschefalten helfen – das sind keine bloßen Hausarbeiten, das sind die ersten Lektionen in Verantwortung und Fürsorge.

Bei Schulkindern kann man tiefer gehen. Sie können sich an Familienentscheidungen beim Einkaufen beteiligen, Preise und Qualität vergleichen und darüber diskutieren, ob es besser ist, eine billige Sache zu kaufen, die ein Jahr hält, oder eine hochwertigere, die zehn Jahre hält. Diese wirtschaftliche Kompetenz ist dabei ganz natürlich mit ökologischem Denken verbunden – eine Sache, die länger hält, ist nicht nur sparsamer, sondern auch schonender für den Planeten.

Teenager können dann in komplexere Themen einbezogen werden: Sie können die Herkunft der Produkte, die sie verwenden, recherchieren, Marken verfolgen, die sich zu ethischer Produktion bekennen, oder selbst ausprobieren, Dinge, die sie nicht mehr brauchen, über Online-Plattformen zu verkaufen. Diese Erfahrung mit dem eigenen „Geschäft" ist für junge Menschen oft außerordentlich prägend – plötzlich verstehen sie, was es bedeutet, wenn eine Sache einen Wert hat oder nicht, und warum es darauf ankommt, wie man sie gepflegt hat.

Nachhaltigkeit und Dankbarkeit sind keine abstrakten Begriffe – es sind konkrete Haltungen, die sich in alltäglichen Entscheidungen zeigen. Wie wir einkaufen, wie wir uns um Dinge kümmern, wie wir mit ihnen umgehen, wenn sie ausgedient haben. Und wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem diese Haltungen als selbstverständlicher Teil des Lebens präsent sind, muss man sie nicht predigen. Es reicht, so zu leben, wie wir möchten, dass sie eines Tages leben werden.

Es geht nicht um Perfektion. Es geht um das Bewusstsein, dass jede Sache einen Wert hat – und dass man diesen Wert nur erkennen kann, wenn man gelernt hat, innezuhalten und hinzuschauen.

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