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Tschechen entdecken die Bibliotherapie als Weg zu sich selbst

Es gibt etwas tief Beruhigendes daran, wenn man ein Buch aufschlägt und plötzlich feststellt, dass die Geschichte auf den Seiten genau das beschreibt, was man selbst erlebt. Dieses Gefühl, damit nicht allein zu sein, dass jemand anderes – vielleicht eine fiktive Figur oder der Autor eines Memoirenbands – denselben dunklen Tunnel durchquert und am anderen Ende wieder herausgekommen ist. Genau diese Erfahrung bildet die Grundlage eines Phänomens, das in der Welt wächst und langsam auch in Tschechien seinen Weg findet: Bibliotherapie, also Heilung durch Lesen.

Angststörungen gehören derzeit zu den verbreitetsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Laut Daten der Weltgesundheitsorganisation leiden weltweit etwa 301 Millionen Menschen an Angststörungen, wobei die Covid-19-Pandemie diese Zahl noch deutlich erhöht hat. In Tschechien besteht dabei nach wie vor ein Mangel an Psychiatern und Psychologen – die Wartezeiten auf fachliche Hilfe bewegen sich im Bereich von Monaten. In diese Lücke tritt die Bibliotherapie als ergänzende, zugängliche und überraschend wirksame Methode.


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Was Bibliotherapie eigentlich ist und wie sie funktioniert

Bibliotherapie ist nicht einfach irgendein Lesen zum Vergnügen. Es geht um den gezielten Einsatz von Literatur – sei es Belletristik, Lyrik oder Sachbücher mit psychologischem Inhalt – als Werkzeug zur Verarbeitung von Emotionen, zum Verständnis des eigenen Verhaltens und zur Entwicklung psychischer Widerstandsfähigkeit. Ein Therapeut, Bibliothekar oder speziell ausgebildeter Begleiter empfiehlt einen konkreten Titel, der dem aktuellen psychischen Zustand oder der Lebenssituation des Lesers entspricht. Das Lesen kann dann eigenständig oder in einer Gruppe stattfinden, wobei das anschließende Nachdenken ein zentrales Element darstellt – ein Gespräch darüber, was der Text ausgelöst hat, welche Emotionen er hervorgerufen hat und was der Leser mitnimmt.

Der Mechanismus dahinter ist keine Magie. Psychologen sprechen von der sogenannten narrativen Identifikation – einem Zustand, in dem sich der Leser mit einer Figur oder Situation in einem Buch identifiziert und durch diese Projektion die eigenen Gefühle besser verstehen kann. Die Geschichte schafft eine sichere Distanz: Man kann Schmerz, Angst oder Trauer erkunden, ohne direkt von ihnen überwältigt zu werden. Gleichzeitig bietet Literatur neue Perspektiven und Denkweisen, die sich der Leser nach und nach zu eigen machen kann.

Die britische Organisation Reading Agency betreibt eines der am besten dokumentierten Bibliotherapieprogramme der Welt – das Projekt Reading Well, im Rahmen dessen Ärzte in ihren Praxen Patienten Bücher als Teil der psychischen Gesundheitsversorgung empfehlen. Die Ergebnisse sind dabei bemerkenswert: Bei Menschen mit leichter bis mittelschwerer Angst oder Depression wurde nach der Teilnahme an einem strukturierten Leseprogramm eine deutliche Verbesserung nachgewiesen. Das britische Modell ist dabei kein isoliertes Experiment – ähnliche Initiativen gibt es in Irland, Finnland oder Australien.

Die Frage lautet: Warum hat es in Tschechien so lange gedauert, bis wir auf diesen Ansatz aufmerksam geworden sind?

Bibliotherapie in Tschechien: ein langsamer, aber stetiger Aufstieg

Die Tschechische Republik hat eine tiefe Beziehung zur Literatur. Es genügt daran zu erinnern, dass wir eine Nation sind, die 1989 einen Dramatiker zum Präsidenten gewählt hat. Dennoch sucht die Bibliotherapie als strukturierte Methode der psychischen Gesundheitsversorgung bei uns noch immer ihren festen Platz. Während sie in Großbritannien von Hausärzten verschrieben wird und Bibliotheken speziell ausgebildete Bibliotherapeuten haben, entwickelt sich diese Praxis in Tschechien eher von unten – auf der Ebene einzelner Therapeuten, engagierter Bibliothekare und gemeinnütziger Organisationen.

Eine Pionierin auf diesem Gebiet bei uns ist beispielsweise Mgr. Veronika Štefanová, die Bibliotherapie in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzt und regelmäßig Pädagogen und Psychologen schult. Ähnlich arbeiten einige Bibliothekare im Rahmen des Projekts Bibliothek als Bildungszentrum, das von der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik koordiniert wird. Es handelt sich jedoch nach wie vor eher um Inseln guter Praxis als um einen systemischen Ansatz.

Dabei wächst das Interesse der Öffentlichkeit. Es genügt zu beobachten, wie sich in den letzten Jahren Lesekreise mit Fokus auf psychologische Literatur vermehrt haben oder wie sich in sozialen Netzwerken Gemeinschaften von Menschen verbreiten, die Bücher teilen, die ihnen geholfen haben, mit Angst, Burnout oder Verlust umzugehen. Informelle Bibliotherapie findet täglich statt – die Menschen haben sie bislang nur nicht so genannt.

Ein konkretes Beispiel: Jana, eine dreiunddreißigjährige Projektmanagerin aus Brünn, beschreibt, wie nach Covid Attacken von panischer Angst bei ihr einsetzten. Sie wartete vier Monate auf einen Platz bei einem Psychologen. In der Zwischenzeit empfahl ihr eine Freundin das Buch Die Gabe der Unvollkommenheit von Brené Brown und später den Roman Ein Mann namens Ove von Fredrik Backman. „Es war kein Ersatz für Therapie, aber es war wie ein Draht, an dem ich mich festhalten konnte", sagt Jana. „Ich habe verstanden, dass meine Gefühle nicht abnormal sind, und das hat mir die Kraft gegeben zu warten." Diese Geschichte ist kein Einzelfall – und genau solche Erfahrungen helfen der Bibliotherapie, den Ruf aufzubauen, den sie verdient.

Welche Bücher statt Medikamenten gegen Angst verschrieben werden

Es ist selbstverständlich wichtig zu betonen, dass Bibliotherapie keine fachpsychiatrische oder psychologische Behandlung ersetzt. Bei schwerwiegenden Angststörungen bleibt die Kombination aus Psychotherapie und gegebenenfalls Pharmakotherapie der Goldstandard. Bibliotherapie kann jedoch als wertvolle Ergänzung fungieren – oder als erster Schritt in einer Zeit, in der fachliche Hilfe noch nicht verfügbar ist.

Welche Bücher werden in diesem Zusammenhang also am häufigsten empfohlen? Fachleute und erfahrene Bibliotherapeuten arbeiten in der Regel mit zwei Kategorien. Die erste sind populärwissenschaftliche Titel aus dem Bereich Psychologie und Achtsamkeit – zum Beispiel Werke von Robert L. Leahy zur kognitiven Verhaltenstherapie, Bücher über Achtsamkeit, die auf den Forschungen von Jon Kabat-Zinn basieren, oder auf Tschechisch erschienene Werke wie Angst von Daniel Smith. Diese Bücher bieten konkrete Werkzeuge: Atemübungen, Techniken zur Umstrukturierung von Gedanken, Methoden zur Arbeit mit körperlichen Manifestationen von Angst.

Die zweite Kategorie ist vielleicht überraschender: Belletristik und Lyrik. Studien zeigen immer wieder, dass das Lesen hochwertiger Literatur Empathie entwickelt, Kortisol (das Stresshormon) senkt und Teile des Gehirns aktiviert, die mit Entspannung verbunden sind. Eine im Fachjournal PLOS ONE veröffentlichte Studie bewies, dass sechs Minuten Lesen den Stresspegel um 68 Prozent senkt – mehr als Musik, ein Spaziergang oder eine Tasse Tee. Bei der Belletristik haben sich im Kontext von Angst besonders Geschichten über das Überwinden von Schwierigkeiten, das Finden von Sinn oder die Selbstakzeptanz bewährt. Im tschechischen Umfeld arbeitet man in dieser Hinsicht gut beispielsweise mit dem Werk von Michal Viewegh oder mit der Lyrik von Karel Šiktanc.

Wichtig ist jedoch immer die Individualisierung. Was einem Leser hilft, kann einen anderen kalt lassen oder sogar seinen Zustand verschlechtern – etwa wenn er sich zu sehr mit negativen Aspekten einer Geschichte identifiziert. Genau deshalb ist es ideal, wenn die Buchempfehlung von einem Fachmann oder zumindest einem geschulten Begleiter begleitet wird, der den konkreten Menschen und seine Situation kennt. Wie der britische Psychiater und Bibliotherapie-Pionier Neil Frude sagt: „Das richtige Buch zur richtigen Zeit kann die Perspektive eines Menschen genauso wirksam verändern wie eine Stunde in der Praxis."

Neben dem rein therapeutischen Einsatz verdient auch die präventive Dimension des Lesens Erwähnung. Regelmäßiges Lesen von Belletristik erhöht nachweislich die emotionale Intelligenz und die Stressresistenz – also genau jene Eigenschaften, die einem Menschen helfen, den alltäglichen Druck zu bewältigen, bevor er sich zu einer vollwertigen Angststörung entwickelt. Aus dieser Perspektive ist die Förderung von Lesegewohnheiten eigentlich eine Angelegenheit der öffentlichen Gesundheit und nicht nur eine kulturelle.

In Tschechien wird dieses Thema zunehmend ernster genommen. Einige Grundschulen führen bibliotherapeutische Elemente in den Unterricht ein, als Teil von Programmen zur psychischen Gesundheit. Einige Krankenhäuser und Kliniken experimentieren mit Lesegruppen für Patienten mit Depression oder Angst. Und in Bibliotheken tauchen langsam speziell gekennzeichnete Regale mit Titeln auf, die für verschiedene Lebenssituationen empfohlen werden – von Burnout über Trauer bis hin zur Bewältigung von Beziehungskrisen.

Der Weg dazu, dass die Bibliotherapie in Tschechien dieselbe systemische Verankerung erreicht wie etwa in Großbritannien, ist noch lang. Es fehlt eine standardisierte Ausbildung für Bibliotherapeuten, es fehlt die Erstattung durch die öffentliche Krankenversicherung, es fehlt eine stärkere Aufklärung unter Hausärzten. Gleichzeitig gilt aber, dass die Grundvoraussetzung für das Aufblühen dieses Ansatzes erfüllt ist: Tschechen lesen. Laut Umfragen der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik liest etwa 79 Prozent der Bevölkerung mindestens ein Buch pro Jahr. Das ist ein enormes Potenzial, das auf eine sinnvolle Nutzung wartet.

Vielleicht ist es Zeit, ein Buch nicht mehr nur als Quelle der Unterhaltung oder Bildung zu betrachten und es auch als das zu sehen, was es in Wirklichkeit schon immer war: als Werkzeug zum Verstehen seiner selbst, anderer Menschen und der Welt, die uns umgibt. In einer Zeit, in der psychische Gesundheit eine immer größere Herausforderung darstellt und in der die Kapazitäten der Fachversorgung nicht schnell genug wachsen können, kann ein solcher Perspektivwechsel tatsächlich heilende Kraft haben.

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